CORINNA BERGMANN

Abgestumpft

St. Pölten – Wirklich, ich finde nichts dabei. Es ist ein Job wie jeder andere. Es macht mir nichts aus. Sagen wir – nicht mehr. Man muss es aushalten und man kann es aushalten. Seit diese Weltexistiert, werden Tiere getötet, um die Menschheit zu ernähren. Das ist normal und nachvollziehbar. Und ihr wollt doch alle Fleisch auf euren Tellern, oder nicht? – Na, also!

So oder ähnlich reagiere ich, wenn mich jemand fragt, wie ich es ertragen könne, in einer Schlachtfabrik zu arbeiten. Und das kommt, glaubt mir, nicht eben selten vor. Der Mensch ist ein Genießer. Es verlangt ihn nach Schweinsmedaillons, Kalbsfilet und Schnitzel, und das bitte schön, saftig, duftend, knusprig, gewürzt. Nicht etwa blutend, strampelnd und schreiend vor Angst und Schmerzen. Verstehe, verstehe… Nein, du musst nichtweitererzählen. So genau wollen wir es nicht wissen. Das halten wir nicht aus. Diese Bilder wollen wir nicht im Kopf haben. Klar, kein Problem. Reden wir von etwas anderem.

Noch vor ein paar Monaten habe ich ebenfalls zu denen gehört. Auch ich war ein nicht wissen wollender Schnitzel-Kalbsfilet-Schweinsmedaillons-Genießer. Bis ich arbeitslos wurde und keinen branchenadäquaten Job mehr fand. Autoindustrie in der Krise – so lautete die Schlagzeile in den Zeitungen. Gegen den Schlachthausjob habe ich mich dann erst einmal kräftig zur Wehrgesetzt. Sind Sie Vegetarier? Die Antwort auf die Frage der Stellenvermittlerin konnte ich mir sparen. Zu deutlich war mir diese “Was? – Nein! – Wieso? – Überrumpelung“ anzusehen. So war es denn beschlossen. Und wie ich schon sagte, bald wandelte sich das anfängliche Grausen in abstumpfende Routine. Ich ziehe mich um, gehe in die Halle und rieche das warme, frische Blut. Anfangs ist mir jeden Morgen übel gewesen, so wie einer Schwangeren. Ich habe mir aber nichts anmerken lassen und den Kopf ein wenig zur Seite gedreht, wenn die mit Blut und Fleischfetzen besudelten Nachtschichtler mit Automatenkaffee und abgepackten Wurstsemmeln an mir vorbeigezogen sind.

In den ersten Tagen (Wochen?) bin ich zusammengezuckt, sobald ich ihre Schreie gehört habe. Die Schweine werden per Elektroschockbetäubt – wenn alles gutgeht. Das tut es aber nicht immer, denn Schweine sind schwer festzuhalten. Sie entgleiten dir, flutschen

nach rechts, nach links… Und weil es eben schnell gehen muss, so wie alles heutzutage, triffst du nicht immer richtig. Na ja, es dauert einige Minuten, bis sie in den Schweinehimmel kippen. Bei den Rindviechern ist es nicht viel anders. Nicht wenige Bolzenschüsse gehen daneben. Und wenn die schweren, röchelnden Tiere erst am Haken hängen, musst du verdammt aufpassen. Die tierische Panik kann leicht zu Arbeitsunfällen führen. Einer meiner Kollegen hat einen Huf mit voller Wucht auf den Hinter kopfgekriegt und wäre fast mitgegangen in den Tod.

“Du riechst nach Blut.“, sagt meine Frau manchmal, wenn ich abends zur Tür hereinkomme. Dabei kann das gar nicht sein, weil ich mich, bevor ich die Fabrik verlasse, ausgiebig Dusche und meine Alltagskleidung kommt mit dem Blut nicht in Berührung. Ich achte da sehr genau drauf. Mit der blutigen Arbeitskleidung gebe ich auch mein Gewissen ab. Fertig. Mehr ist dazu nicht zu sagen. Ich mache nur einen Job. Arbeitslos war ich lange genug. Punkt.

Letzten Sonntag habe ich mir ein gut fünfhundert Gramm schweres Rumpsteak gebraten, um das Ende der mageren Jahre zu feiern. Und als ich noch über die angeekelte Miene meiner Frau lachte, während sich meine Gabel ins weiche Fleisch bohrte und ich aus den Augenwinkeln das herausquellende Blut bemerkte, wurde mir übel. Ganz furchtbar übel.


Foto: www.facebook.com/tierversuchhochburgmuenchen

corinna.bergmann@kabelplus.at