Eine Geschichte ohne Regeln

Es ist nicht wichtig woher man kommt. Ob Kanadier, Afghanen oder aus Kambodscha… Sehnsucht kennt keine Regeln, keine Farben und keine Grenzen. In jedem Menschen ist sie gleich, weswegen auch das Schreiben ohne Regeln sein sollte!

Wien – Vor Jahren bekam ich ein Angebot bei der Zeitung “Art und Presse“ teilzunehmen. Ich sagte, dass ich noch darüber nachdenken müsse, doch meine Antwort stand eigentlich schon fest: Ich würde nicht teilnehmen!

Es war Freitag und es waren noch vier Tage bis zum Beginn der Schulungen bei der Zeitung. Ein Tag wie jeder andere auch. Nach der Arbeit am Heimweg beschloss ich noch im Supermarkt gegenüber einzukaufen. Ich stand in der Obstabteilung und dachte darüber nach, was ich brauchte, als eine Stimme hinter mir erklang:

“Hallo!“

Ich drehte mich zur Stimme. Es war Pablo. Seine Haare waren weiß geworden, doch sein Lächeln hatte sich nicht geändert. Er war noch immer sehr herzlich. Überrascht von diesem Treffen fragte ich:

“Was machst du hier?“

“Meine Firma hat mich geschickt. Ich werde hier einige Tage aushelfen.“

Er war also als Leiharbeit in diesem Supermarkt beschäftigt. Ich wollte schnell das Thema wechseln:

“Wie geht es deinen Kindern? Deine Tochter ist sicher schon groß!“

“Meine Tochter geht in die Volksschule und mein Sohn ist in der vierten Klasse. Mein Sohn in Kambodscha wird anfangen zu studieren.“

Als er von seinem Sohn in Kambodscha sprach wurde er leiser. Sein Lächeln verschwand. Man konnte die Trauer in seinem Gesicht erkennen.

“Ich habe ihn sehr vermisst. Seit 13 Jahren habe ich ihn nicht gesehen. Wir reden über das Internet, doch das ist mir nicht genug. Jedes Mal fragt er mich, wann ich ihn besuchen kommen werde. Ab und zu schicke ich ihm etwas Geld. Meine Mutter ist leider auch gestorben.“

Er stand kurz vor Tränen, doch er weinte nicht. Mit schnellen Bewegungen schlichtete er die Gurken in die Regale und fragte, wie es mir ginge. Meinen Antworten schenkte er kaum Beachtung. Er nahm hastig den leeren Container und verabschiedete sich.

Ich hatte Pablo vor sieben Jahren in einem Deutschkurs kennen gelernt. Nach diesem dreimonatigen Kurs habe ich ihn nie wiedergesehen.

Als ich meine Einkäufe erledigt hatte, machte ich mich auf den Heimweg. Meine Gedanken waren immer noch bei Pablo. Damals als der Deutschlehrer fragte, warum er nach Österreich gekommen sei, erzählte er seine ganze Geschichte. Seine Geschichte war wahrscheinlich der Grund, warum ich mich noch so gut an ihn erinnern konnte. Pablo hatte in Kambodscha Architektur studiert, doch keine Arbeit gefunden. Auch seine erste Ehe ging in die Brüche. Er wurde depressiv und verließ seinen damals fünfjährigen Sohn bei seiner Mutter und kam nach Österreich.

Als Pablo im Kurs erzählte, unterbrach der Lehrer ihn immer wieder und korrigierte seine Grammatik. Doch als er immer mehr erzählte, wurden diese Unterbrechungen immer seltener bis er auch nur mehr stumm zuhörte:

“Trotz all meiner Bemühungen habe ich auch in Österreich keine Arbeit gefunden. Ich habe bei einem Freund gewohnt. Mein Geld, das ich bei Aushilfstätigkeiten verdient hatte, nahte sich dem Ende zu. Es war Mai. Ich ging auf der Kärntnerstraße und hatte all meine Hoffnungen in diesem Land bleiben zu können verloren und meine Aufenthaltserlaubnis lief bald aus… Doch ich wollte nicht zurück! Ich ging in eine Telefonzelle und rief meine Mutter an. Ich weinte, als ich mit ihr sprach. Ich sagte, dass ich bald wieder zurückkehren werde. Ich legte auf und ging aus der Telefonzelle. In diesem Moment sah ich eine blonde, blauäugige Frau, die angestellt wartete. Neben der Frau stand ein Kinderwagen. Aus Angst, dass sie erkennen könnte, dass ich weinte, ging ich schnell davon und setzte mich auf die nächste Bank und blickte leer um mich umher. Nach einer Weile kam die Frau von der Telefonzelle zu mir. Sie stellte ihren Kinderwagen ab und setzte sich zu mir. Sie sah mich an und sagte mir in meiner Sprache, dass sie mir helfen könne. Ich konnte dem was gerade passierte nicht glauben! Die Frau sprach Spanisch. Vielleicht hatte sie das Gespräch zwischen mir und meiner Mutter gehört. Wir fingen an uns zu unterhalten. Ich habe diese Frau geheiratet und habe zwei Kinder. Einen gemeinsamen Sohn und einen Sohn aus ihrer ersten Ehe, jetzt habe ich acht Monate alte Tochter.“

War das ein Zufall oder die Stärke einer gemeinsamen Sprache? Ich glaubte nicht an Zufälle und wollte eine Erklärung zu finden.

Zu Hause nahm ich mir ein Blatt Papier und schrieb: “Geschichten ohne Regeln von Leben, dessen Regeln das Geld bestimmt!“

Vor Jahren war Pablo traurig, weil er zurück in seine Heimat musste und heute ist er unglücklich, weil er nicht zurückkehren kann. Ein weiterer Punkt, der sehr traurig in Pablos Geschichte war, dass er seinen eigentlichen Beruf als Architekt nicht ausüben konnte.

Ich drehte meinen Computer auf, um meine Nachrichten zu lesen. Es gab keine Neuen. Ich las eine alte Nachricht von einem Freund, der nach Kanada ausgewandert ist:

“Hallo, wie geht es dir? Ich habe dich sehr vermisst. Komm mich in Kanada besuchen. Du musst kommen! Auch wenn Sehnsucht ein Teil von mir ist, ist es hier sehr schön…“

Ich weiß nicht, ob ich jemals meinen Freund in Kanada besuchen kann, doch haben wir eine gemeinsame Sprache, die keine Grenzen kennt. Egal aus welchem Land man kommt, Sehnsucht kennt keine Grenzen und Regeln. Sehnsucht ist in jedem Menschen gleich. Also ist auch das Schreiben grenzenlos und ohne Regeln. Auch wenn ich es nicht schaffe ohne Regeln und Grenzen zu leben, so muss ich schreiben.

Ich wartete auf den nächsten Montag der Journalismus-Workshop “Art und Presse“ eine Nachricht zu schicken: “Ich werde mich an dem Kurs beteiligen. Bitte reserviert einen Platz für mich!“


resmiye.aslan1511@gmail.com

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