HÜSEYİN A. ŞİMŞEK

Istanbul stellte für mich einen Wendepunkt dar

Vor ca. 44 Jahre wanderte ich in eine riesige Stadt: Istanbul! Sie summte wie eine Biene. Jeder schrie nach etwas anderem. Diese Schreie erinnerten mich wieder an meine ethnische Identität, meinen Glauben und meine Muttersprache. Istanbul hat mich wachgerüttelt, und ich schaffte es mit der Zeit aus den Mustern des Internats herauszukommen. In dieser Hinsicht spielte die Großstadt eine gute Rolle.

Ich übertreibe wirklich nicht, Istanbul stellte für mich einen Wendepunkt dar. Diese Stadt war für mich erstens die Zeit, die mich wieder zu meinen Wurzeln geführt hat. Das ganze Land befand sich in einer Vorbürgerkriegsphase. Jedenfalls war es für mich eine harte und schmerzhafte Zeit. Die Oppositionsgruppen, welche die Rechte und Freiheiten für alle Minderheiten auch verteidigten, sorgten dafür, dass ich wieder zu meiner ursprünglichen Identität zurückfand. Sie zielten darauf ab alle unterdrückten Nationen, Völker und Minderheiten zu befreien. Für unsere Volksgruppe war ich auch mit diesen solidarischen Ideen zufrieden.

In dieser Zeit fange ich wieder an über meine ethnische und religiöse Identität, über meine Muttersprache zu reden. Aber trotzdem lebte ich “türkisch“. Der Alltag ging auf dieser Sprache weiter. Auf meine Muttersprache lesen und schreiben zu können war noch kein Thema für mich. Ich sagte, dass ich nicht mehr ich selbst war. Aber während ich gegen diese Ungerechtigkeit kämpfte, konnte mir nicht gleichzeitig mein ursprüngliches “ich“ zurück verlangen. Denn die Wichtigkeit der Sprache als mittel ist keine Frage aber wesentlich wichtiger ist das Ziel. In Hinsicht der Rechte und Befreiung der verschiedenen Nationen und Völker, ist die Sprache ein Mittel des Ausdrucks.

Vielleicht nicht jede Generation, aber bestimmten Generationen könnten sich darunter etwas vorstellen. Für mich wurde Türkisch zu meiner Ausbildung- und Denksprache. Das konnte ich nicht mehr ändern, denn es war das Ergebnis einer jahrelangen Assimilation. Zum Beispiel, unsere Kinder, die in Europa geboren werden, aufwachsen und kein Problem mit Integration haben, werden, egal ob ihre Muttersprache Türkisch, Kurdisch, Serbisch…ist, auf Deutsch denken. Die Sprache der Ausbildung entwickelt sich zur Sprache des Denkens. Ist es nicht möglich zweisprachig zu denken? Natürlich ist es. Es gibt viele Menschen die zwei Sprachen gleich gut beherrschen.

Aber ich spreche eher aus der Sicht (m)einer Generation. Seit Jahrelang versuche ich Deutsch zu lernen und in dieser Sprache schreiben können. Trotzdem ist es für mich zu spät um in dieser Sprache zu denken. Ich könnte auf Türkisch denken und dann versuchen auf Deutsch oder Zazaki zu schreiben. Das wahre Problem ist eigentlich die Freiheit der meine Muttersprache, denn es wäre nicht sinnvoll einem Jahrhunderte lang unterdrücktem Volk zu befehlen in ihrer verbotenen Sprache zu denken.

Aber die Ausblühung meiner Generation in Istanbul und im ganzen Land dauerte nicht mehr lang. Alles wurde schnell beendet. In den Städten, die wir “im Griff zu haben“ glaubten, wurden wir der Folter ausgesetzt. Viele meiner Freunde wurden getötet. Die überlebenden steckte man in die Gefängnisse. Wie in einem berühmten Gedicht von Sabahattin Ali wurden die Städte zu einer Falle für uns.*

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* Dieser Text wurde zuvor in dieser Anthologie veröffentlicht: Menschenseele-verborgen, verletzlich und doch sehr stark, Anima Incognita Edition 2018 – Wien

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