MONIKA KRAMPL

Ein neuer Divan-Ein lyrischer Dialog zwischen Ost und West

St – Pölten – Dies ist nicht nur die Überschrift, es ist auch der Titel des von Barbara Schwepcke und Bill Swainson herausgegebenen Buches anlässlich des 200-jährigen Geburtstages des “West-östlichen Divan“ von Johann Wolfgang von Goethe.

Wieder einmal eine Gelegenheit über die vereinende und verbindende Kraft des interkulturellen Austausches zu reden und zu schreiben.

Der “West-östliche Divan“, erschienen 1819, ist die umfangreichste Gedichtsammlung Goethes und wurde durch die Werke des persischen Dichters Hafis inspiriert. 1814 las Goethe den von dem Orientalisten Joseph von Hammer-Purgstall ins Deutsche übersetzten “Dīwān“  von Hafis.[1]

Ein hoher Anteil der Gedichte geht auch auf Goethes Briefwechsel mit Marianne von Willemer zurück, von der auch einige Gedichte des “Divan“ stammen.[2]

Doch, wer hat schon Hafis gelesen?

Stefan Weidner schreibt in seinem Buch “1001 Buch. Die Literaturen des Orients“:

“Dank Goethe ist der Name Hafis jedem Gebildeten vertraut. Aber man liest ihn nicht. Statt ihn und andere orientalische Dichter tatsächlich zu lesen (oder gar zu studieren!) hat eine Pseudo-Rezeption eingesetzt, die Goethes Bemühungen um den Orient als Feigenblatt vor das Desinteresse legt.“ Goethe sei „mit seinem Divan zum Schutzherren für einen west-östlichen Versöhnungsaktionismus mutiert, mit dem die Arroganz des Nicht-Lesens nicht minder als die politische Arroganz kompensiert werden soll.“

Ich denke, er hat recht damit. Obwohl es in den letzten Jahren eine zunehmende Anzahl von Übersetzungen aus dem Persischen, Arabischen, Türkischen, etc. gibt – haben sie zumeist geringe Auflagen und eine geringe Anzahl von Leser*innen.

Goethe prägte den Begriff “Weltliteratur“ in seiner Zeitschrift “Kunst und Altertum“ – er verstand darunter die Literatur, die aus einem übernationalen, kosmopolitischen Geist heraus geschaffen wurde.  

Vielleicht – hoffen wir – trägt der lyrische Austausch des “Neuen Divan“ dazu bei.

Die Anthologie des “Neuen Divan“ bietet ein vielstimmiges Panorama der globalen Lyrik und verweist damit auf die “Möglichkeit“ der entgrenzenden Kraft der Literatur.

Der Suhrkamp Verlag zum Buch:

“24 Dichterinnen und Dichter – je 12 aus dem ‘Westen‘ und aus dem ‘Osten‘ – haben in ihrer Muttersprache ein Gedicht verfasst. Thematisch orientieren sich die Gedichte an den zwölf Büchern des Divan Goethes. Eine Vielzahl prominenter deutschsprachiger Schriftsteller*innen –  darunter Nora Bossong, Elke Erb und Lutz Seiler – haben die Übertragungen ins Deutsche erstellt. Alle Gedichte werden sowohl in der Originalsprache als auch in der Übersetzung abgedruckt. Ergänzt wird der Band durch vier Essays, die sich dem interkulturellen Dialog und der Frage der Übersetzung aus wissenschaftlicher Sicht nähern.“

Vielleicht gelingt sie doch noch – Goethes Vision einer gemeinsamen Menschlichkeit jenseits aller kultureller Grenzen. 


[1] Hafis oder (persisch ausgesprochen) Hāfez, geboren um 1315 oder 1325 in Schiras, Iran; gestorben um 1390 ebenda) ist einer der bekanntesten persischen Dichter und Mystiker. Sein bekanntestes Werk stellt der Dīwān dar.

[2] Marianne von Willemer, geboren 1784; gestorben 1860; war eine aus Österreich stammende Schauspielerin, Sängerin (Sopran) und Tänzerin. Goethe begegnete Marianne in den Jahren 1814 und 1815 und verewigte sie im Buch Suleika seines Spätwerks “West-östlicher Divan“.. Unter den zahlreichen Musen  Goethes war Marianne die einzige Mitautorin eines seiner Werke, denn der “Divan“ enthält auch – wie erst postum bekannt wurde – einige Gedichte aus ihrer Feder.

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