GABY BLATTL

Nondum – 2

Nun, da sie wieder ihre Kindheit dachte, fiel ihr auch der ‘andere Opapa’ wieder ein. Der Vater ihrer Mutter. Sie hatte auch nur vage Erinnerungen daran, obwohl sie damals bereits in die Schule gegangen war, als dieser Opa gestorben war. Er war ihr immer als grundgütiger Opa gewesen, der sein Mausi, wie sie immer genannt wurde, über alles liebte. Opa war seit sie sich erinnern konnte krank gewesen und man musste sehr behutsam mit ihm umgehen. Sein Tod war ein einschneidendes Erlebnis, denn es war der erste Tod eine nahestehenden Menschen gewesen, den sie miterlebte. Sie hatte damals nicht verstanden, was da vor sich ging und warum sich einiges in der Familie veränderte.

Mausi – sie musste schmunzeln, wenn sie an den Schulbeginn dachte. Damals erfuhr sie, dass Mausi ein Kosename war, nicht aber zu Ihren Vornamen gehörte. Niemand hatte sie bis dahin anders als ‘Mausi’ angesprochen.

Schule – sie war immer gerne zur Schule gegangen, hatte fleißig gelernt, viel gelesen und sich mit vielen Dingen beschäftigt, die ihre Klassenkameradinnen überhaupt nicht interessierten. Heute konnte sie über ihre Außenseiterrolle, die sie immer gespielt hatte, oder zumindest sehr lange, lachen. Damals, als Kind in einem Arbeiterbezirk groß geworden und mit der Aussprache einer Burgschauspielerin – damals war es nicht lustig gewesen.

Sie war sich immer wie im Ausland vorgekommen, denn alle anderen Kinder hatten ihrer Meinung eine andere Sprache gesprochen; es war nur Dialekt gewesen, nichts weiter.

Entsetzt war sie nach einigen Schultagen nach Hause gekommen und hatte sehr vorwurfsvoll erwähnt, man hätte ihr schon sagen müssen, dass sie nur die Lehrer verstehen könne, die ausländischen Kinder aber nicht. Die Mutter hatte erstaunt die Augenbrauen hochgezogen und gefragt, wieso denn Ausländer?

“Mutti, weißt du denn nicht, dass alle anders sprechen als ich?“

Man hatte sie ausgelacht und hatte von Hochsprache und Dialekt und von Muttersprache gesprochen. Sie konnte sich erinnern, dass sie dieses Thema lange beschäftigt hatte. Als sie acht Jahre alt war, ließ ihre Mutter sich scheiden und es begann eine sehr schwierige Zeit. Diese Scheidung ihrer Eltern war ein sehr einschneidendes Erlebnis gewesen und hatte sie geprägt.

Plötzlich war der Vater weggeblieben, ohne Ankündigung, ohne ein Wort und sie hatte zum ersten Mal in ihrem Leben erfahren, dass nichts ewig dauert. Mutter hatte damals von Geschäftsreisen gesprochen, die länger dauern würden und sie hatte sich lange nicht erklären können, warum ein Buchhalter unbedingt eine längere Geschäftsreise machen musste. Sie hatte sich erst damit getröstet, dass er ebenso wichtig war, da wo er arbeitete, dass man auch in anderen Unternehmen nach ihm fragte, hatte aber gleichzeitig gewusst, dass es nicht wahr wäre.

Sie hatte geglaubt, der Vater hätte die Familie verlassen, weil er sie nicht mehr um sich haben wollte.  Die Erwachsenen hatten damals getuschelt, hatten die Stimme verändert,  wenn sie dabei war und all das hatte sie sehr erschreckt und sehr unsicher gemacht. Ihr Weltbild war zerstört. Die fest gefügte Familie, dieser Verband aus Eltern, Großeltern, Großonkel und -tanten war zerfallen und sie konnte nichts dagegen tun, auch nichts, um den Zustand von früher wieder herzustellen. Die Familie – ganz zart und leise sagte sie dieses Wort. Abgesehen von ihren Eltern und Großeltern gab es den von allem bewunderten Onkel Josef, der eine sehr hohe Position erreicht hatte – die höchste von allen, obwohl natürlich der Opa viel tüchtiger war. Er war groß, stark und hatte Hände, in denen man verschwinden konnte. Wie Tennisschläger – sie hatte noch nie welche gesehen, aber so stellte sie sich vor. Dazu waren seine Hände weich und streichelten immer. Sie liebte ihn! Er hatte eine Frau mit zwei Kindern geheiratet. Sie hatte sich damals als Kind nicht vorstellen können, wie das möglich war, aber sie nahm es zur Kenntnis. Seine Frau, Tante Maria, war eine hingebungsvolle Gattin und Mutter, eine Hausfrau, die für das Wohl der Familie lebte. Sie umsorgte ihn und gab ihm den Freiraum, den er offenbar benötigte. Sie hatte immer tuscheln gehört, der Onkel hätte eine Freundin – auch das konnte sie sich nicht vorstellen, zumindest damals kannte sie die Bedeutung dieser Worte noch nicht. Dazu kam, dass Onkel Josef einen sehr interessanten Bekanntenkreis hatte. Ein von ihr überaus bewunderter Schauspieler gehörte ebenso dazu, wie Opernsängerinnen.

Die Familie war musisch sehr interessiert und begabt. Onkel Josef spielte Cello, der Opa Geige, Oma Klavier und Tante Betty, Opas Schwester, zupfte die Laute. Wenn musiziert wurde, fühlte sie sich wie im Himmel. Das liebevolle Zusammensein, die wunderbaren Klänge, all das schien ihr bezaubernd. Und mit einem Mal war alles anders. Hatte sie etwas angestellt, dass Papa nicht mehr nach Hause kommen wollte, hatte sie sich immer wieder gefragt, aber keine Antwort finden können.  Es fiel ihr nichts ein, so sehr sie auch darüber nachdachte und grübelte. Als sie eines Tages von der Schule nach Hause gekommen war, standen im Vorzimmer zwei Koffer. Die sollte ihr Vater später holen und es wurde ihr gesagt, er käme wohl nicht so schnell wieder.

Im darauffolgenden Sommer waren die Großeltern mit ihr in den Ferien weggefahren, hatten sie verwöhnt. Sie hatte es genossen, vor allem das Zusammensein mit dem Großvater, der ihr die Sterne, Blumen, Bäume. Pilze, eigentlich das ganze Universum erklärt hatte. Sie hatte damals gewusst, was es bedeutete, Teil des Kosmos zu sein, hatte es eigentlich mehr gefühlt, als gewusst, um es später wieder zu vergessen, es beiseite zu schieben. Es wäre für sie noch schöner gewesen, hätte man sie nicht fast ununterbrochen gefüttert. Mit Schrecken dachte sie daran, dass sie endlich vom Mittagessen aufstehen hatte dürfen, um nach einem kurzen Spaziergang zur Jause geführt zu werden. Dazwischen gab es Lebertran und appetitanregende Mittel. Die Großeltern wollten ihr nur Gutes zukommen lassen, wollten sie entschädigen für den Verlust des Vaters und hatten des Guten viel zu viel getan. Sie erinnerte sich noch gerne an das Zusammensein mit einer damals sehr bekannten Schriftstellerin, deren Kinderbücher sie besaß. Nie hätte sie sich träumen lassen, mit einer so berühmten Persönlichkeit zum Essen zu gehen, sogar neben ihr sitzen zu dürfen. Da diese Schriftstellerin schon ein wenig kränklich war und nur eine halbe Portion essen konnte oder wollte, durfte sie sogar das Essen mit ihr teilen. Natürlich hatte sie immer die größere Portion bekommen und sehr lange zum Essen gebraucht, damit sie möglichst lange mit der bewunderten Frau zusammen sein konnte. So wollte sie auch einmal werden. Sie wollte schreiben!

In jenen Wochen hatte sie einfach Kind sein dürfen. Danach war sie wieder die kleine Erwachsene, die ihre Mutter aus ihr gemacht hatte.

Sie funktionierte, lernte, war am Nachmittag in einem Hort untergebracht, denn die Mutter musste arbeiten, um die klein gewordene Familie erhalten zu können. Es begann eine für sie trostlose Zeit, in der sie sehr einsam war und sich unverstanden fühlte. Die ständig überarbeitete, strenge Mutter flößte ihr Angst ein. In der Schule begann der Stoff für sie zu schwierig zu werden, weil sie sich nicht konzentrieren konnte. Ihr Kopf war doch so voll mit ganz anderen Gedanken, als jenen, die Lösungen auf für sie völlig unverständliche Rechenbeispiele zu finden.

Sie flüchtete damals in Krankheiten. Niemand wusste, dass die Seele weinte – man sprach von lange dauernden, schweren Verkohlungen, von einer gewissen Neigung zu Erkrankungen der Bronchien, die in der Familie lag und gab sich damit zufrieden.

Weil sie nicht mehr hören wollte, was um sie herum geschehen war, erkrankte das Ohr und sie konnte nur durch eine damals sehr schwierige Operation gerettet werden. Sie hatte Erstickungsanfälle, weil sie unfähig was das, was sie bedrückte, zu artikulieren. Da man die Ursachen nicht erkannte und auch nicht erkennen wollte, wurden die Symptome behandelt und so lebte sie von einer Erkrankung zur anderen, wobei die Pausen dazwischen immer kürzer wurden.

Nach dieser zu damaliger Zeit recht gefährlichen Operation hatte sie, da sie ein Gespräch zwischen Mutter und Arzt gehört hatte, jahrelang Angst gehabt, verrückt zu werden oder zu sterben. Sie hatte sich von da ab sehr genau beobachtet und bei jedem Kopfschütteln der Erwachsenen gedacht, jetzt wäre es so weit, jetzt würde sie irre werden. Konnte es sein, war sie verrückt, im Sinne von daneben, zur Seite, woanders hin gerückt? War es nicht besser für sie und die anderen, wenn sie sterben könnte? Aber wie stellte man das an? Hörte man einfach auf zu atmen? Sie hatte es versucht, aber natürlich war es nicht gelungen. Sie war froh darüber und konnte bei diesen Gedanken von damals lachen. Damals war es bitterster Ernst gewesen.

Wenn sie hörte, wie man sagte, Kinder hätten keine Sorgen, konnte sie allerdings weder zustimmen noch lachen, denn das wusste sie wirklich besser.

Sehr früh hatte sie begonnen, Fragen, die sie nicht beantworten, Probleme, die sie nicht lösen konnte, aufzuschreiben. Es war für sie eine Möglichkeit gewesen, mit ihren kleinen Geheimnissen, der Freude, der Trauer und mit ihren Verletzlichkeiten fertig zu werden.

Leider hatte die Mutter eines Tages diese Notizen gefunden. Daraufhin hatte sie aufgehört zu schreiben, denn niemand sollte ihre Intimsphäre mehr verletzen oder beeinträchtigen. Nie wieder wollte sie sich preisgeben, sich öffnen oder verletzlich zeigen. Sie begann einen Panzer um sich aufzubauen. Er half und behinderte zugleich. Er half ihr zwar, die demütigenden Schläge der Mutter besser zu ertragen, allerdings ließ sie auch angenehme, freudige Dinge nicht wirklich an sich heran. Das hatte sie aber erst viel, viel später begriffen.

Nur in den Sommerferien wurde sie für das triste Leben mit der vom Leben schwer enttäuschten Mutter, für das Herausgeris- sensein aus der Familie, entschädigt. Hier musste sie keine kleine Erwachsene sein, die auf Knopfdruck funktionierte. Hier in dieser wunderbar sanften Landschaft aus Wäldern, Hügeln, Wiesen und Seen durfte sie Kind unter anderen Kindern sein. Durch die Wiesen streifen, in Haus, Veranda und Garten spielen, lesen, träumen, das ruhige Leben auf dem Land genießen, Sonne und Regen gleichermaßen. Hier konnte sie sich als Teil des Kosmos, Teil eines Ganzen fühlen ohne es artikulieren zu können oder zu müssen. Eins-Sein in der Natur! Es war herrlich. Die Großtante, die in dem kleinen Haus wohnte und die sie in den Sommermonaten aufgenommen hatte, ließ sie teilnehmen an den Arbeiten, die zu verrichten waren. Sie durfte die wunderschönen Blumen pflegen, erfuhr viel über Pflanzen, wann sie zu setzen oder zu pflücken hatte, aus welchen von ihnen man Salben oder Tees machen konnte, warum diese Blume mehr Sonne, jene aber mehr Schatten brauchte, und vieles mehr. Eins-Sein mit der Natur hatte für sie immer auch mit Nicht-denken zu tun gehabt. Nicht denken, nur fühlen, ja, das wollte sie. Sie war sich meist auf eine seltsame Weise aufgespalten vorgekommen. Nur in der Natur war es ihr immer wieder gelungen, das Denken auszuschalten. Sie fragte nicht, brauchte keine Erklärungen, keine Informationen. Sie war Blume unter Blumen, Baum unter Bäumen und Stein unter Steinen; eine unter vielen und doch einzigartig. Sie hatte immer schon gefühlt, dass alles in einer ganz bestimmten Ordnung sein konnte – solange der Mensch nicht alles nach seinem Gutdünken verändern wollte. Sie hatte sich schon als kleines Mädchen vorgestellt, zu einer unendlichen Weite zu werden; frei, offen für alles und jeden, ohne auszuwählen oder Bevorzugung des einen oder anderen.

Es war ihr nicht immer gelungen, doch sie hatte sich immer darum bemüht. Manchmal vielleicht ein wenig zu sehr. Im täglichen Leben war es ihr oftmals schwierig erschienen, doch mit beginnendem oder fortschreitendem Alter war es immer leichter für sie gewesen, diesem Vorhaben nachzukommen. Heiterkeit, Gelöstheit in der Einheit der Dinge, das war ihr Ziel und der Weg dahin war lange und steinig gewesen aber wenn sie zurückdachte, konnte sie mit ihrem Weg dahin zufrieden sein.*

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* Auszug aus einem Romanprojekt mit dem gleichnamigen Titel

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