GABY BLATTL

Nondum – 3

Wien – Natürlich musste sie sich eingestehen, dass sie doch immer wieder in die alten, vertrauten Verhaltensmuster zurückgefallen war. Je besser aber dieses Heitersein gelungen war, je besser sie sich fühlte, desto befremdeter hatte ihre Familie reagiert. Ihre Umgebung, vor allem aber die Kinder hatten das nicht wirklich verstanden. Hatten sie schon früher gemeint, Mutter wäre schon ein wenig eigentümlich, meinte man nun hinter ihrem Rücken, sie wäre schon recht wunderlich geworden, mit den Jahren.

Nur die Enkel hatten mehr Verständnis für sie. Sie hatten verstanden, dass ihre Vorstellung von Glück bedeutete, ein ewiges Lächeln im Gesicht zu tragen, es in die Welt zu tragen, im Einklang mit allem.

Zurück zu den Kindersommern. Sie fröstelte, als sie daran dachte, dass zwei Sommermonate Glück und Geborgenheit zehn Monate mit der Mutter gegenüberstanden und wickelte sich in ihren warmen, weichen Schal, um sich wieder zu erwärmen. ‘Salzkammergut’ dachte sie; das war Blumenduft und Grillen- zirpen, Gewitter und Regen am See, Ziegenmilch und von der Tante selbst gezogenes Gemüse, Obst frisch vom Baum, Beeren vom Strauch und ein Haus, das mehr war als nur Wohnstätte, ein Stall, in den man schon in der Früh laufen durfte, um die Tiere zu begrüßen. Es war mehr, viel mehr.

Als sie noch sehr klein gewesen war, hatte Papa sie nur an den Wochenenden besuchen können, weil er arbeiten musste, während sie mit der Mutter die Sommermonate am See verbringen konnte.

Sie hatte schon damals ‘Ferien gehabt’, nicht erst, als sie in die Schule ging. Sie erinnerte sich, wie sehr sie immer gewartet hatte, bis sie Papa mit dem Fahrrad kommen gesehen hatte. Sie hatten dann lange Touren miteinander unternommen, waren ins Gebirge gegangen oder mit den Fahrrädern unterwegs gewesen.

Sie hatte sich immer gewünscht, einmal hier leben zu dürfen… Damals durfte sie noch wünschen, auch wenn keine Aussicht bestanden hatte, diesen Wunsch zu realisieren. Was wäre sie ohne diese Wünsche gewesen ? Armselig; so armselig wie viele Menschen, die sie kannte und gekannt hatte, die sich die Möglichkeit zu träumen genommen hatten und sehr verbittert, ja, unglücklich geworden waren. ‘Lasst mir meine Träume…’, sagte sie leise vor sich hin. – und wusste im gleichen Moment, dass Träume nun keine Bedeutung mehr für sie haben würden.

Sie erinnerte sich gerne an jene Zeit, da sie in dem Haus nahe dem See ein fröhliches, natürliches Kind gewesen war. Der Garten – vor ihren Augen blühten und dufteten die Rosen wieder, als wäre sie eben erst aus dem Haus getreten. In der ganzen Umgebung war er bekannt, dieser Garten. Spaziergänger (damals nannte man sie noch Sommerfrischler) blieben stehen, erkundigten sich nach den einzelnen Pflanzenarten, plauderten über das Befinden, das Wetter und die Weltlage. Heute würde man das wohl ein ‘natürliches ‘Kommunikationszentrum’ nennen. Damals sprach man schlicht vom Tratschen. Tante Elli liebte diesen Garten, der später viel zu groß für sie geworden war; zu groß, um ihn zu pflegen, zu mähen und ihn zu betreuen. Auf ihre Blumenpracht angesprochen, lächelte sie ihr stilles, verschmitztes Lächeln, zog die kurze Nase in die Höhe und freute sich über die Bewunderung. Alles, was ihre Tante machte, war ihr wunderschön erschienen. Ob sie einen Tisch deckte, Blumenschmuck für die Kirche am anderen Ufer oder für den Friedhof vorbereitete, oder ein Päckchen machte.

Die Kirche am anderen Ufer des Sees war von ihrem Ur-großvater eingerichtet worden. Er hatte das Chorgestühl gefertigt und deshalb sah man es in der Familie als Pflicht und Freude an, für den Blumenschmuck zu sorgen. Solange sie es vermochte, brachte daher Tante Elli Blumen in ihrem kleinen Ruderboot zu eben dieser Kirche. Sie hatte eine ganz besonders gute Hand für Blumen. Ein kleines, verkümmertes Pflänzchen bekam von ihr den richtigen Platz zugewiesen, wurde von ihr liebevoll betreut und wurde zu einer starken, schönen Pflanze. Selbst Kakteen, die in unseren Breiten kaum wachsen konnten, blühten und wucherten. Es war ein ruhiges, arbeitsreiches aber schönes Leben gewesen, das ihre Tante geführt hatte.

Überall im Haus waren Blumen auf Kommoden, Tischen und Truhen in Vasen und Gläsern gestanden. Ob sie gedacht hatte, die wahre Pracht der Blumen wäre erst dann sinnvoll, wenn sie geschnitten, gleichsam geopfert wären?

Die Rosenhecke waren immer der erklärte Lieblingsplatz gewesen, den sie allerdings mit den Sommergästen teilen hatte müssen. Zwar war sie bei Tante Elli zu Gast, aber nicht gleichrangig wie die Sommergäste. Wenn daher die Hecke nicht besetzt war – es gab dort zwei grün gestrichene Tische mit eben solchen Bänken – durfte sie dort sitzen und lesen, schreiben oder spielen. ‘Eins-Sein mit der Natur’ – das war es gewesen. Geborgen im Ganzen, ein Ganzes, nicht gespalten, nein, ganz hatte sie sich gefühlt. Es schien ihr ein geheimnisvoller Platz zu sein, ein Kraftplatz. Hier konnte ihr nichts geschehen, hier fühlte sie sich gut, zufrieden, in der Einheit. Sie konnte alleine aber doch bei den anderen sein. Wenn sie die Gewissheit brauchte, es wäre jemand in der Nähe, war es hier möglich. Hier konnte sie auch ‘nur’ in den Himmel sehen, die Wolken ziehen und ihren Träumen nachhängen. Auch der sogenannte Salzkammergut-regen, der leichte, sanfte Schnürlregen, konnte ihr nichts ausmachen. Sie war geschützt. Die Lieblingspuppe, ein Buch und sie war glücklich. Hier konnte sie auch zwei Rufe der Tante überhören, den dritten Ruf allerdings nicht mehr, denn eine böse werdende Tante fürchtete sie. Das hätte den Zauber der Umgebung gestört. Hier, zwischen Blumen und Bäumen, Schmetterlingen und Vögeln, sollte alles liebevoll geschehen, in Achtung vor dem anderen. Hier sollte man vergnügt und fröhlich sein.

Die Erinnerung an ihre Tante Elli war immer mit Düften verbunden. Wenn sie aus dem Garten gekommen war, umgab sie immer ein zarter Duft von Zitronenmelisse, Pfefferminze und anderen Kräutern. Selbst wenn sie aus dem Stall kam, roch sie nach frisch gemolkener Milch und nach Kräutern, denn sie hatte den Ziegen auch verschiedene Gräser und Kräuter  mitgebracht, die dankbar meckerten und sich an diesen Leckerbissen freuten.

Sie hatten besonders gute Milch gegeben, die aber nicht von allen Sommergästen gemocht wurde, und so hatte die Tante schon zeitig früh zu einem Bauern am Berg gehen müssen, um Kuhmilch zu holen. Der Trick dabei war, dass das nur in den ersten Tagen des Aufenthalts der Sommerfrischler geschah, die – ohne es zu wissen – auch Ziegenmilch mit großem Genuss tranken. Sie hätten noch nie eine so köstliche Milch getrunken, erzählten sie und verstanden nicht, dass die Tante diesen Ausspruch nur mit einem feinen Lächeln quittierte.

Kirtage am Land waren für sie immer aufregend gewesen. Es waren die kleinen Unterbrechungen im beschaulichen Leben am See. Man durfte mitfahren, entweder mit dem Fahrrad oder dem Autobus, bekam ein Getränk, das man kaufen konnte – keinen selbstgemachten Saft wie sonst, einer der Cousins, der die Kleine aus der Stadt nicht für voll nahm, zeigte sich als Kavalier und schoss eine Blumenrose oder ein kleines Spielzeug und ein Eis gab es auch. Hier fragte niemand, ob es denn gut wäre Eis zu essen, ob es denn gesund wäre – hier war Ausgelassen sein, Fröhlichkeit, Tratsch mit den Bäuerinnen und Sommerfrischlern und Gespräche mit einer Malerin, die am Hügel ein Haus hatte.

Eine Malerin, eine Frau, die studiert hatte, die Bilder malte und davon lebte oder es zumindest versuchte – man denke – und das in einer kleinen Ortschaft wie dieser. Die Dorfbewohner betrachteten sie immer ein wenig misstrauisch, aber auch stolz. Ihre Mutter war Engländerin gewesen. Das schien etwas Besonderes zu sein, denn niemand wusste genau, wo England war. Aber die Engländer gehörten zu den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs und wurden schon deshalb bewundert. Sie hatte nicht verstanden, was daran zu bewundern war, aber sie teilte diese Einstellung damals.

Omi hat gestrickt, die Tante genäht und sie hatte das erste Dirndl bekommen – und sofort damit in den See gefallen, weil das Fahrrad zu groß, vor allem aber schwerer war als sie und sie von der Straße abgekommen und auf den Landungssteg gefahren war. Es war alles sehr dramatisch gewesen, denn man holte erst das Rad und dann sie aus dem Wasser und die Erwachsenen rund um sie waren sehr besorgt gewesen.

In jenen Kindersommern wäre sie fast im See ertrunken, hatte böse Stürze mit dem Fahrrad, ist sie in den Bach gefallen, usw.

Aber sie spielte auch mit einer Freundin und einer Cousine Theater für die Dorfkinder, die mit offenen Mündern voll Bewunderung in einer Reihe vor ihnen in der Veranda gesessen waren. ‘Damals’ dachte sie ‘damals konnte man die Kinder am Land noch bezaubern, wenn man ihnen kleine Geschichten erzählte – heute wäre das nicht mehr möglich.’

Hier war es aber auch, als sie lernte, dass andere Gesetze galten als in der Stadt. So wusste sie, dass eben geborene Kätzchen im See ertränkt wurden, weil es zu viele davon gab; dass man nicht zum Tierarzt ging, weil ein Haustier erkrankte. Entweder man konnte ihm selbst helfen oder es wurde getötet. Eine eingegangene Kuh war für die Bauern manchmal schlimmer, als die Fehlgeburt der Bäuerin. Kinder konnte man immer noch haben, eine neue Kuh aber kostete Geld und ein defekter Traktor konnte zu einem fast unlösbaren Problem werden, während man ein krankes Kind nicht so wichtig nahm. Es wurde ja ohnehin wieder gesund, wenn es so sein sollte. Es war in vielen Dingen eine für sie fremde Welt, die sie hier erlebte, lernte sie doch andere Werte kennen, als sie es bisher in der Stadt gewohnt war. Hier lernte sie auch, was sie später in vielen Büchern und Schriften großer Dichter, wie beispielsweise Peter Rosegger, lesen sollte: Heimatgefühl.

Sie hatte hier nicht nur ihre Kindersommer verbracht, war Mensch geworden, sondern hatte auch Ihrem Mann und den Kindern etwas von dem Zauber vermitteln können. Es war der letzte Sommer im Leben ihres Mannes gewesen und er hatte versichert, es wäre sein schönster gewesen. Es war tatsächlich möglich gewesen, wunderte sie sich, einen Hauch von dem erlebten Glück den liebsten Menschen, die sie hatte, weiterzugeben.

Später, viele Jahre danach, als das Haus und der dazugehörende Grund längst verkauft waren, hatte sie geglaubt, nie wieder hingehen zu können. Es war ein dumpfer Schmerz gewesen, solange sie sich erinnern konnte.

Selbst nach vielen Jahren, als sie wiederkam und anstelle des Hauses der Urgroßeltern ein modernes, hübsches Holzhaus der neuen Besitzer vorfand, war der Garten fast unverändert. Sie fühlte sich heimatlich aufgenommen. Es gab noch die Obstbäume, die Rosenhecke war nicht mehr da, aber ein Kraftplatz schien dieses Stück Erde dennoch zu sein, das hatte sie sofort gefühlt. Anstelle des Gemüsegartens war frischer Rasen gepflanzt, die Weintrauben an der Scheune wurden größer als früher und wahrscheinlich schmeckten sie inzwischen auch besser. Wo früher der kleine Stall gewesen, die Ziegen gemeckert, die Hühner nach dem Eierlegen gegackert und das Schwein gegrunzt hatte, war jetzt eine kleine Garage. Vor ihren Augen kamen die Ziegen aus der Türe gesprungen und bei dieser Vorstellung musste sie herzlich lachen. Der Duft ihrer Kindersommer war nicht mehr vorhanden, doch in ihrem Herzen, mit dem man bekanntlich am besten sieht, fühlte sie den Duft. Sie sah sich in dem kleinen Bach Forellen fangen, im nahegelegenen Wald Mooshäuser und Gärten anlegen, hörte die Grillen zirpen und fuhr wieder mit dem kleinen Ruderboot am See.

Hier fand sie wieder das sanfte Stück Land ihrer Kindheit, diese Lehne aus Einsamkeit. Ein Stück Heimat, das sie nie verlieren würde, etwas das bestehen würde, wenn sie nur noch Traum sein sollte oder nicht einmal mehr das.

‘Und wenn es auch nur in meiner Phantasie ist,’ sagte sie halblaut vor sich hin. ‘Es war schön.’

Sie schloss ein wenig die Augen und träumte, denn war mehr als nur ein kleines Haus mit grünen Läden, mehr als Wetterleuchten im Gebirge, mehr als Ausflüge mit dem Raddampfer, den es schon lange nicht mehr gab. Es war auch mehr gewesen als Ringelblumensalbe und Ziegenmilch, als Kinderfreundschaften und Sommersonne.

Es war Ahnen, Fühlen und Erkennen, war Geborgenheit, Vertrautes und immer wieder neu. Es war mehr gewesen als Kindsein in Freiheit im Wissen um das Beschütztsein. Es war Angenommensein, war Heimat und die konnte ihr niemand nehmen. Heimat war ihr nie der Ort gewesen an dem sie gerade war, sondern immer jene Landschaft ihrer Kindersommer. Sie hatte ein Gedicht darüber geschrieben und ein Freund hatte es komponiert. Mit einem Lächeln dachte sie daran, wie gerührt sie gewesen war, als sie bei der Uraufführung anwesend war. ‚Ja’, seufzte sie, ‚es war schön in einem wunderbaren Sinn‘.

Einige Jahre später war sie mit ihrer Tochter an den See gefahren, um den gemeinsamen Urlaub hier zu verbringen. Sie hatten in einem Nachbarort eine Ferienwohnung gemietet und eine fröhliche, schöne Zeit hier verbringen können. Es war vertraut und neu zugleich, doch etwas von dem Zauber der Kindertage hatte sie in ihre Erwachsenenwelt hinüber retten können. Das erfreute sie sehr und sie suchten gemeinsam die Plätze auf, die sie von früher kannte. Stundenlang musste sie ihrer Tochter erzählen, wie das denn früher gewesen war. Allerdings kam sie sich dabei zeitweise vor, als spräche sie vom vergangenen Jahrhundert.

‘Wie lange ist das alles her’, fragte sie sich leise, ohne Antwort zu erhalten. Sie war auch mit dem Mann hier gewesen, den sie sehr geliebt hatte und ein wenig noch heute liebte. Nur ihre Lippen formten seinen Namen, lautlos. Sie waren durch die Wälder gegangen, hatten die Sonne am See genossen, ein paar Tage gemeinsam verbracht und als er hatte weiterfahren müssen, war sie sehr traurig gewesen.

Sie hatte damals auch etwas wie schlechtes Gewissen dem Kind gegenüber gehabt, dem sie sich nicht mehr so uneingeschränkt gewidmet hatte.

gabyblattl@hotmail.com

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