Nondum – 4

Sie wollte ein Baum sein, allerdings war ihr Verständnis dieses Satzes ein anderes, als das ihrer Mutter.

Wien – Wie war es damals weitergegangen, damals, als sie noch ein Kind war ? Ach ja: nach einigen Monaten unglücklicher Nachmittage in dem von ihr gefürchteten Hort, nahm sich die Oma, die Mutter der Mutter ihrer an und nahm sie am Nachmittag zu sich. Oma hatte eine sehr kleine Rente, aber sie hatte sehr viel Gefühl für das unglückliche Kind, kannte Hausmittel, die zumindest vorübergehend Heilung brachten, saß nachts an ihrem Bett, wenn sie krank war, ging der besseren Luft wegen in einen weit entfernten Park, sorgte sich um sie und war einfach da, wenn sie gebraucht wurde. Und Omi wurde eigentlich immer gebraucht.

Omi, wie sie zärtlich genannt wurde, war in ihren Augen ihre Mutter gewesen. Ihre tatsächliche Mutter konnte sie nur geboren haben, weiter nichts. Eine rein biologische Sache’, sagte sie vorwurfsvoll, als ob es ein Schimpfwort wäre. Sie wusste, dass Mutter sich bemüht hatte, alles richtig zu machen und sie hart machen wollte, weil sie auch hart geworden war. In der Erinnerung an ihre Mutter waren Sätze, wie ‘was uns nicht umbringt, macht stark’, ‘halte die Ohren steif’, ‘sei ein Baum’. Sie wollte ein Baum sein, allerdings war ihr Verständnis dieses Satzes ein anderes, als das ihrer Mutter. Ein Baum wollte sie auch jetzt noch sein, stark in der Erde verwurzelt mit breit ausladenden Ästen, die Hoffnung, Trost und Schutz bieten sollten. Saft- und kraftvoll hatte sie immer sein wollen, wie ein Baum, mit einem starken Herzen und einem starken Haupt, um alle die Äste zu tragen…

Mutter – Sie war sich dessen bewusst, dass sie der Mutter gegenüber ungerecht war, aber warum mussten Kinder gerecht sein? Waren es die Erwachsenen denn immer? Was alles gerecht, was in der Welt passierte?

Sie wusste, dass es müßig war über Gerechtigkeit nachzudenken. Das Thema schien ihr zu schwierig, sie wollte nicht darüber nachdenken, jetzt, da alles so friedvoll und leicht erschien. Doch, dachte sie bei sich, es gab eine Gerechtigkeit in der Welt, doch die schien meist außerhalb des menschlichen Verstandes oder Verständnisses zu liegen.

Nach dem Tod des über alles geliebten Großvaters war niemand da, bei dem sie sich verstanden fühlen konnte, dem sie sich rück- haltlos anvertrauen konnte. Den Vater ihres Vaters, diese Galionsfigur der gesamten Familie hatte schon ihre Mutter sehr bewundert und den Ehemann  danach ausgewählt, welche Charaktereigenschaften der Vater hatte. Sie hatte nicht gewusst, dass  starke Väter meist schwache Söhne haben. Schwach und labil, hatte ihr Vater  diesem Vorbild nicht folgen können. Wahrscheinlich hatte er seinen Vater nie als Vorbild gesehen. Aber das war eine ganz andere Geschichte gewesen. Daran wollte sie jetzt nicht denken. Großvater, im Gedanken an ihn sah sie auch später immer wieder das Schöne und das Gute in der Welt. Wie ausgerechnet er an einem bösartigen Krebsgeschwür zugrunde gehen hatte müssen, konnte sie auch erst viel später, mit gebührendem Abstand, verstehen gelernt.

Nach seinem Tod hatte sie lange Zeit niemand, dem sie sich rückhaltlos öffnen konnte und der es ebenso getan hatte. Sie lernte eines der Grundprobleme des Menschen kennen – das Festhalten-wollen und die Erkenntnis, dass nichts im Leben Bestand hatte, dass es keine Sicherheit, keine Garantie dafür gab, dass die Dinge so bleiben würden, wie Menschen es wünschten. Selbst dann nicht, wenn sie alles Nötige dafür zu tun bereit waren. Damals wurde ihr bewusst, dass es ein grundlegender Fehler war, etwas halten zu wollen. Sie war aber zu jung gewesen, um das, was sie fühlte und dachte, umsetzen zu können. Allerdings fühlte sie, dass das ein langwieriger und sehr schwieriger Prozess werden würde und war nicht sicher, ob sie es jemals wirklich können würde, dieses Durchlässigsein, wie ein Filter vielleicht ? Sie hatte damals gefühlt, dass da eine neue Dimension in ihrem Leben sein müsse, für die sie allerdings noch nicht bereit war.

Sie hatte zu schreiben begonnen, um herauszufinden, wer sie war. Sie wollte die Welt schreibend begreifen, fand aber später heraus, dass sie das, was für sie ‘Welt’ bedeutete, nicht begreifen, sondern schreibend erfühlen konnte. Auch das war ein langer, mühevoller und steiniger Weg gewesen

Was machte ihre Persönlichkeit aus – wo lag der Sinn ihres Lebens und wohin würde ihr Weg sie führen. Dieses Streben nach Wahrheit hatte sie sehr lange beschäftigt; auch dann noch, als sie herausgefunden hatte, dass jeder Mensch seine eigene Wahrheit hatte, die mit allem Anderen nichts zu tun hatte.

Ihr Leben war sehr wechselhaft, aber reich an Ereignissen und Erfahrungen, vor allem aber an Lernprozessen gewesen. Neben großem Glück war tiefster Kummer gewesen. Als sie geglaubt hatte, ihr DU gefunden zu haben, folgte die große Zäsur und sie hatte es wieder hergeben müssen. Eigentlich hatte sie nichts davon hergegeben, es war ihr genommen worden. Verloren, vertan? War sie sich zu sicher gewesen, dass dieses Glück, das sie empfunden hatte, Bestand haben könnte? Viele Jahre später hatte sie erst begriffen, dass es wohl doch nicht das Du gewesen war, dem sie hier begegnet war. Aber auch darüber wollte sie heute nicht nachdenken. Nicht jetzt, vielleicht später.

In der Mitte ihrer Jahre hatte sie sich immer noch gefragt, wo denn der tatsächliche Sinn ihres Lebens sein mochte. Geiß, da waren viele Aufgaben gewesen, die es zu bewältigen galt und die sie auch mehr oder weniger bewältigt hatte. Allerdings schien ihr das zu wenig zu sein. Nur aus Pflichterfüllung konnte oder wollte sie nicht in diesem Erdenleben stehen. Nur banale Pflichten, das konnte nicht alles sein. Sie hatte sich immer wieder dagegen aufgelehnt. Aber – waren diese Pflichten selbst auferlegt oder schicksalhaft vorgegeben? Hätte die Frage nicht eher lauten sollen: was will ich aus meinem Leben machen um dem nachzukommen, was mir auferlegt ist?

Es hatte in ihrem Leben einen Zeitpunkt gegeben, ein Stadium, da sie die Zeit zwischen Tag und Dunkelwerden wie ein schattenloses Licht des Seins empfunden hatte. Dieses schattenlose Licht hatte sie danach nie mehr ganz verlassen.

Danach hatte sie den Drang verspürt, sich anderen mitzuteilen. Ob es die Arbeit an ihren kreativen Werken war, ob die Sehnsucht nach einem harmonischen, poesievollen Leben sie dazu brachte, ihre Gedanken, Verse und Feuilletons und Essays bei Lesungen einem mehr oder weniger anspruchsvollen Publikum zu präsentieren; vielleicht war es auch der Wunsch gewesen, aus der Anonymität ein wenig herauszutreten und anderen Menschen ein kleines Licht, ein wenig Freude in einen vielleicht traurigen, mühevollen Alltag zu bringen.

Damals hatte sie sich in Kreisen bewegt, die ihr zwar im Wesentlichen nicht entsprachen, die ihr aber Anerkennung, Zuneigung, ja sogar die Wärme entgegenbrachten, die  sie offenbar brauchte. Sie war immer wieder irritiert, wenn man ihre Dichtungen lobte, wenn Applaus einsetzte. Viel lieber wäre ihr gewesen, man hätte – berührt von ihren Worten – geschwiegen, sich schweigend mit ihren Worten und Sätzen auseinander gesetzt. Ganz selten war es geschehen und sie hatte sich eins mit dem Publikum, verstanden und sehr glücklich gefühlt. Sie lernte Reaktionen aus den Gesichtern abzulesen und wusste, dass der Applaus als Zeichen der Anerkennung anzusehen war. Sie hatte das ihr entgegengebrachte Wohlwollen demütig und dankbar angenommen. Schweigen aber wäre ihr lieber gewesen. Vielleicht würde es ihr einmal gelingen, in ihrem letzten Gedicht, im letzten Gedanken, im letzten Wort. NONDUM – noch war sie nicht so weit. Noch lange nicht!

Niederlagen hatte sie immer mit Stolz getragen und versucht, auch aus diesen scheinbaren – oder tatsächlichen – Misslichkeiten etwas Positives zu entwickeln. Es war ihr immer wichtiger erschienen, wie man mit den Dingen umgeht, als was passiert. Immer wieder war es das ‘Wie’ gewesen, das ihr zu schaffen machte. Es waren immer die Umstände gewesen, nicht die Dinge selbst, die sie irritierten oder die ihr Probleme bereiteten. Leben hieß für sie Konfrontation, ständige Auseinandersetzung mit der Umwelt, der Umgebung, in ihrem eigenen Sein.

gabyblattl@hotmail.com

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