GABY BLATTL

Nondum*

Die Türe war eben zugefallen und der nette junge Mann, der die letzten Möbel weggebracht hatte, war gegangen, Er würde am Nachmittag wiederkommen, um ihr wieder – noch einmal – zu helfen. Ein letztes Mal. Dann würden alle Brücken abgebrochen sein, die Wohnung geräumt und sie würde einem neuen Anfang entgegengehen. Noch einmal! Jetzt saß sie bequem in ihrem alten Lehnstuhl. Auch ihn würde  der freundliche junge Mann wegbringen. Zum Flohmarkt vielleicht, wenn er sich noch etwas Geld davon versprach oder zum Sperrmüll. Ob er ihn behalten würde? Sie stellte sich vor, wie er darin sitzen und an sie denken würde, für eine kleine Weile. Vielleicht würden ihn aber am Flohmarkt auch junge Leute finden, die ihn herrichten und einige Zeit gebrauchen würden. Ihr konnte es gleichgültig sein. Sie wickelte sich in ihren langen, warmen Schal, denn es fröstelte sie ein wenig in der leeren, kalten Wohnung. So lehnte sie sich also zurück und dachte nach …

… wie schön es gewesen war, als sie – damals noch ein kleines Mädchen – geglaubt hatte, der Wolkenhimmel wäre der Ort, wo die Engel nur darauf warteten, um uns zu beschützen. Stundenlang hatte sie damals fast regungslos zum Himmel sehen können, immer darauf hoffend, doch einmal einen kleinen Engel zu sehen oder zumindest ein Stückchen von ihm . Engel hatte sie sich immer so vorgestellt, wie sie auf dem Bild im Zimmer der Großeltern abgebildet waren; lieblich, rund und zuckersüß. Irgendwo da oben, so hatte sie damals gemeint, müsste es doch sein, dieses Himmlische, Wunderbare, von dem sie schon oft gehört hatte und von dem manche Menschen gesagt hatten, es würde nicht existieren. Wenn schon keinen Engel, so wollte sie doch etwas sehen, was sie als Zeichen nehmen konnte, das ihr helfen würde mit dem, was man Religion nannte aber auch mit anderen Erlebnissen und Ereignissen und Unverständlichen, das sich um sie herum ereignete, fertig zu werden und es zu verstehen. Sie hatte bald gemerkt, dass dieser Wunsch nicht in Erfüllung gehen konnte. Den Grund dafür hatte sie aber erst viel, viel später verstehen können. Sie hatte immer gehofft, es würde ihr doch geschehen; vielleicht eines letzten Tages. Sie lächelte daran, wenn sie daran dachte, wie oft in ihrem Leben sie sich wie im Himmel gefühlt hatte oder zumindest nahe daran.

Von klein auf hatte sie gewusst, dass ihr Leben anders verlaufen würde. Für sie würde es weder einen traditionellen Glauben, noch gelebte Frömmigkeit geben. Zwischen Phantasie und realem Denken – was sie damals dafür gehalten hatte, ohne es genau zu definieren – versuchte sie, ihren Weg im Leben zu finden, völlig auf sich, auf ihr Wesen, konzentriert. Egoistisch wollte sie nicht sein, aber ein gewisser Hang zur Egozentrik war ihr nicht abzusprechen. Frei wollte sie sein und fühlte doch, dass sie eine Gebundene war; gebunden etwa wie an Naturgesetze – doch das ahnte sie eher, als sie darum wusste.

An die Jahre als sie noch sehr klein war, konnte sie sich kaum erinnern. Einige Erlebnisse waren ihr zwar noch im Gedächtnis, aber auch da war sie nicht sicher, ob es die Erzählungen waren, an die sie sich erinnerte oder ob das eigene Gedächtnis diese Präsenz hervorrief…

Sehr vage war die Erinnerung an Spaziergänge am Sontag Vormittag mit dem Vater.  Sie hatte sie ebenfalls genossen, das wusste sie noch. Ebenso hatte sie es geschätzt, mit ihm alleine zu sein. Dann erschien er ihr groß und stark, während er ihr neben der Mutter klein und schwach vorgekommen war. Als sie noch klein war, hatte sie auf seinen Schultern getragen. Damals war sie sich wie auf einem Thron sitzend vorgekommen, Nichts schien ihr etwas anhaben zu können. 

 Er war für sie immer etwas Besonderes gewesen – allerdings nicht so sehr wie Opa. Das ja nicht, aber sie erinnerte sich an viele schöne Stunden, die sie mit dem Vater verbracht hatte. Immer war etwas Geheimnisvolles um ihn gewesen, Nie hatte die Mutter alles wissen dürfen, nur sie hatte Geheimnisse mit ihm teilen dürfen. Das war ihr zwar immer etwas eigenartig erschienen, aber es hatte zu Papa gehört, schien Teil seines Wesens zu sein, von dem sie vielleicht mehr ahnte, als ihre Mutter oder andere Familienmitglieder.

Er war fast zwei Meter groß, was sie in der Kindheit sehr beeindruckt hatte. Allerdings schien er zu schrumpfen, sobald er durch die Wohnungstüre getreten war. Bei dem Gedanken daran musste sie schmunzeln. Allerdings konnte sie sich erinnern, dass auch sie sich oftmals klein und unbedeutend vorkam, wenn sie nach Hause, zur Mutter gekommen war. Das hatte sich nicht geändert, als sie bereits erwachsen war. Mutter hatte immer eine sehr strenge, vor allem aber dominierende Rolle in ihrem Leben gespielt, bis sie sich entschlossen hatte, dieses Spiel nicht mehr mitzumachen. Das hatte aber viele Jahre gedauert, aber daran wollte sie jetzt nicht mehr denken. Es war zu lange her und spielte längst keine Rolle mehr in ihrem Leben.

‚Papa’ sagte sie ganz leise und ein wenig wehmütig, wenn sie daran dachte, wie alleine und einsam der Vater gestorben war. Aber – sind wir nicht alle einsam in dieser Stunde?

Zurück zu den Kindersommern. Sie fröstelte, als sie daran dachte, dass zwei Sommermonate Glück und Geborgenheit zehn Monate mit der Mutter gegenüberstanden und wickelte sich in ihren warmen, weichen Schal, um sich wieder zu erwärmen. ‘Sommer’ dachte sie; das war Blumenduft und Grillenzirpen, Gewitter und Regen am See, Ziegenmilch und  selbst gezogenes Gemüse, Obst frisch vom Baum, Beeren vom Strauch und ein Haus, das mehr war als nur Wohnstätte, ein Stall, in den man schon in der Früh laufen durfte, um die Tiere zu begrüßen. Es war mehr, viel mehr.

Sie hatte sich immer gewünscht, einmal hier leben zu dürfen… Damals durfte sie noch wünschen, auch wenn keine Aussicht bestanden hatte, diesen Wunsch zu realisieren. Was wäre sie ohne diese Wünsche gewesen? Armselig; so armselig wie viele Menschen, die sie kannte und gekannt hatte, die sich die Möglichkeit zu träumen genommen hatten und sehr verbittert, ja, unglücklich geworden waren. ‘Aßt mir meine Träume…’, sagte sie leise vor sich hin, und wusste im gleichen Moment, dass Träume nun keine Bedeutung mehr für sie haben würden.

Sie erinnerte sich gerne an jene Zeit, da sie in dem Haus nahe dem See ein fröhliches, natürliches Kind gewesen war. Der Garten – vor ihren Augen blühten und dufteten die Rosen wieder, als wäre sie eben erst aus dem Haus getreten. In der ganzen Umgebung war er bekannt, dieser Garten. Spaziergänger (damals nannte man sie noch Sommerfrischler) blieben stehen, erkundigten sich nach den einzelnen Pflanzenarten, plauderten über das Befinden, das Wetter und die Weltlage. Heute würde man das wohl ein ‘natürliches ‘Kommunikationszentrum’ nennen. Damals sprach man schlicht vom Tratschen. Alles, was ihre Tante machte, war ihr wunderschön erschienen. Ob sie einen Tisch deckte, Blumenschmuck für die Kirche am anderen Ufer oder für den Friedhof vorbereitete, oder ein Päckchen machte.

Überall im Haus waren Blumen auf Kommoden, Tischen und Truhen in Vasen und Gläsern gestanden. Ob sie gedacht hatte, die wahre Pracht der Blumen wäre erst dann sinnvoll, wenn sie geschnitten, gleichsam geopfert wären?

Die Rosenhecke waren immer der erklärte Lieblingsplatz gewesen, den sie allerdings mit den Sommergästen teilen hatte müssen. Zwar war sie bei der Tante  zu Gast, aber nicht gleichrangig wie die Sommergäste. Wenn daher die Hecke nicht besetzt war – es gab dort zwei grün gestrichene Tische mit eben solchen Bänken – durfte sie dort sitzen und lesen, schreiben oder spielen. ‘Eins-Sein mit der Natur’ – das war es gewesen. Geborgen im Ganzen, ein Ganzes, nicht gespalten, nein, ganz hatte sie sich gefühlt. Es schien ihr ein geheimnisvoller Platz zu sein, ein Kraftplatz. Hier konnte ihr nichts geschehen, hier fühlte sie sich gut, zufrieden, in der Einheit. Sie konnte alleine aber doch bei den anderen sein. Wenn sie die Gewissheit brauchte, es wäre jemand in der Nähe, war es hier möglich. Hier konnte sie auch ‘nur’ in den Himmel sehen, die Wolken ziehen und ihren Träumen nachhängen. Auch der sogenannte Salzkammergut-regen, der leichte, sanfte Schnürlregen, konnte ihr nichts ausmachen. Sie war geschützt. Die Lieblingspuppe, ein Buch und sie war glücklich. Hier konnte sie auch zwei Rufe der Tante überhören, den dritten Ruf allerdings nicht mehr, denn eine böse werdende Tante fürchtete sie. Das hätte den Zauber der Umgebung gestört. Hier, zwischen Blumen und Bäumen, Schmetterlingen und Vögeln, sollte alles liebevoll geschehen, in Achtung vor dem anderen. Hier sollte man vergnügt und fröhlich sein…

Hier fand sie auch später wieder das sanfte Stück Land ihrer Kindheit, diese Lehne aus Einsamkeit. Ein Stück Heimat, das sie nie verlieren würde, etwas das bestehen würde, wenn sie nur noch Traum sein sollte oder nicht einmal mehr das.

‘Und wenn es auch nur in meiner Phantasie ist,’ sagte sie halblaut vor sich hin. ‘Es war schön.’

Sie schloss ein wenig die Augen und träumte, denn war mehr als nur ein kleines Haus mit grünen Läden, mehr als Wetterleuchten im Gebirge, mehr als Ausflüge mit dem Raddampfer, den es schon lange nicht mehr gab. Es war auch mehr gewesen als Ringelblumensalbe und Ziegenmilch, als Kinderfreundschaften und Sommersonne.

Es war Ahnen, Fühlen und Erkennen, war Geborgenheit, Vertrautes und immer wieder neu. Es war mehr gewesen als Kindsein in Freiheit im Wissen um das Beschützt sein. Es war Angenommen sein, war Heimat und die konnte ihr niemand nehmen. Heimat war ihr nie der Ort gewesen an dem sie gerade war, sondern immer jene Landschaft ihrer Kindersommer.   

Sie stand auf, reckte die etwas steifen Glieder, setzte sich wieder in ihren Lehnstuhl und kuschelte sich erneut in den Schal. Draußen war es noch laut und hell. Sie saß einfach da, wartete auf den freundlichen jungen Mann, dessen Namen sie schon wieder vergessen hatte. Darum war er ja auch für sie der freundliche, junge Mann. Sie hatte es sich längst abgewöhnt, mühevoll über Namen nachzudenken, die ihr ja doch nicht einfielen. Deshalb war sie dazu übergegangen, die Menschen, mit denen sie zu tun hatte, nach ihrem Aussehen oder ihren Eigenschaften zu benennen. So war die Nachbarin links die ‘Dicke Alte’, während die Nachbarin rechts die ‘Italienerin’ wegen ihres südländischen Aussehens, der alte Mann über ihr war der ‘Grantl’ und die Milchfrau nannte sie respektlos ‘Kuh’.

Sie wurde müde. Wo war sie stehengeblieben? Ach ja, sie wartete auf den netten jungen Mann, doch es würde ihr nichts ausmachen, wenn er noch lange wegbliebe. NONDUM – noch nicht …

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* Auszug aus einem Romanprojekt mit dem gleichnamigen Titel

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