MONIKA KRAMPL

“Schreibend stirbt man am besten“ | Gedichte von Hüseyin Şimşek

St. Pölten – Im Grunde ist es fast unmöglich Gedichte zu rezensieren, sie zu besprechen. Gedichte muss man selbst lesen. Entweder sie sprechen einen an – sie sprechen zum eigenen Ich – oder sie schweigen.

Bei Hüseyin Şimşeks Gedichtband hat mich bereits der Titel angesprochen. Schreiben ist für mich ein Lebenselixier, ich kann mir nicht vorstellen ohne Schreiben zu leben, und da der Tod den letzten Teil des Lebens eingrenzt, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass man am Besten schreibend stirbt.

“nach einer ewigen Zeit
bleibt doch ein vollkommenes Leben zurück
trotzdem meine ich
schreibend stirbt man am Besten“

schreibt Şimşek .

Die Gedichte “Istanbul wird mich ausspucken“, “Wie oft haben wir geredet“ und “Eine Rose atmete mich“ aus dem schmalen Bändchen gefallen mir besonders gut.

Es sind immer einzelne Gedichtzeilen – alle voll Dichte und innerer Spannung, zu denen ich immer wieder zurückkehre:

“ … das in tiefer Nacht geschriebene Gedicht ist wie eine Liebe im Exil …“

und

“ … nimm mich bei den Schultern, lass mich ein
Schwer zu ertragen ist der düstere Morgen
Istanbul wird mich ausspucken“

In “Eine Rose atmete mich“ sind es die Zeilen:

“ … als die Zeit kam, da meine Rose verwelkte
blieb ich ohne Atem und Geruch zurück“

Schon im Gedicht “Istanbul wird mich ausspucken“ ist die Metapher der Rose enthalten “ … meine Hände sind voll mit trockenen Rosen …“ heißt es dort.

In “Eine Rose atmete mich“ heißt es
“als die Zeit kam, da meine Rose verwelkte
blieb ich ohne Atem und Geruch zurüc
k“

Das Bild der Rose erinnert mich an Rainer Maria Rilke – die Rose zieht sich durch sein gesamtes Werk und Leben. Rilke sagt zu seinen Freunden, bevor er im Dezember 1926 stirbt – “der Dorn einer Rose habe ihm den tödlichen Stich versetzt.“

Ich finde, Gedichte müssen immer wieder gelesen werden um ihren Sinn zu erfassen. Der Sinn und das Gefühl für ein Gedicht erschließt sich mir erst, wenn ich mich genügend lange damit beschäftigt habe. Ich lese daher Gedichte auch immer wieder laut. Ich nehme sie “mündlich“. Denn durch verschiedene Stimmlaute – durch leises und lautes lesen, durch verschiedene Betonungen des Textes werden die Worte immer wieder auf noch einmal  andere Art und Weise zugänglich. 

“ … auf einmal ist ein Horchender gefunden –
und alle Worte haben Sinn. …“

schreibt Rainer Maria Rilke in seinem Gedicht “Zu solchen Stunden gehen wir also hin“.

Hüseyin Şimşek erzählt in dem Gedichtband in einem Interview, dass er als Kind in einer kirmanc-alevitischen Familie aufgewachsen sei. Bis er mit sechs Jahren in die Schule kam, habe er Zazaisch (Kirmancki) gesprochen. Von da an lernte er türkisch zu reden und auch zu schreiben. Und weiter “Für mich wurde Türkisch zu meiner Denksprache. Das konnte ich nicht mehr ändern, denn es war das Ergebnis einer jahrelangen Assimilation.“

Und ich? Ich wünschte mir, ich könnte die Gedichte auf Türkisch lesen. Ich denke, dass bei der Übersetzung von Gedichten – und seien die Übersetzungen auch noch so gut – einiges der eigenen Sprache des Dichters verloren geht.

Und, ich frage mich – ich, die ich als Kind in einer spracharmen Familie aufgewachsen bin, und sehr lange in meinem Leben nach meiner eigenen Sprache gesucht habe, ist es vielleicht dem ähnlich, die eigene Sprache verloren zu haben oder sie aufgeben zu müssen?

Wenn ich das Buch öffne, höre ich den Klang einer verloren gegangenen Sprache und rieche den Duft Anatoliens …

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