Türkei – Erinnerungen und Abschied

Bei meiner Türkeireise war ich verliebt. Ich reise gerne, wenn ich verliebt bin. Die Wahrnehmung und das Erleben der Welt ist anders – auch beim Reisen. Ich bin offener, die Stimmung ist freudvoller, glücklicher – es macht einfach viel mehr Spaß.

St. Pölten – 23 Jahre sind vergangen, und natürlich hat sich in der Zeit viel verändert. Wenn der Tourismus ein Land überfällt, ist es wie mit der Heuschreckenplage. Nichts ist wie vorher. Viel zu viele Menschen hatten sich in den Städten der Mittelmeerküsten angesiedelt. Allzu verständlich! Bereits Herodot wird folgende Bemerkung zugeschrieben: “Wer in dieses Gebiet kommt (…) zögert nicht, sich in dieser Stadt mit ihren guten Lebensbedingungen und dieser Schönheit für immer hier anzusiedeln.“ Mit der Ansiedlung und auch den Touristenströmen hat es jetzt ein Ende.

Die Presse (14. 6. 2016): Wenn die Strände leer bleiben. Auf den Hotels an der türkischen Riviera lasten Terror und Politik.

Die Presse (31. 10. 2016): Zahl der Türkei-Touristen bricht um ein Drittel ein. Auch im dritten Quartal ist die Tourismusbranche – einer der wichtigsten Devisenbringer – dramatisch eingebrochen.

Die diktatorische und Menschenrechte verletzende Politik von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat zu einer Situation geführt hat, in der ich das Land sicher nicht mehr bereisen werde. In der es vielleicht in Zukunft auch nicht mehr möglich sein wird.

Bei meiner Türkeireise war ich verliebt. Ich reise gerne, wenn ich verliebt bin. Die Wahrnehmung und das Erleben der Welt ist anders – auch beim Reisen. Ich bin offener, die Stimmung ist freudvoller, glücklicher – es macht einfach viel mehr Spaß. Ich nehme alles viel unmittelbarer war. Die fünf Sinne sind weit geöffnet. Das Meer ist blauer und das Gras grüner, die fremde Musik und die fremden Laute sind fröhlicher, der Wein ist süffiger … 

Die Welt ist zum Umarmen …

Ich bin sehr dankbar, dass ich mir fünf Wochen Zeit genommen habe für diese Reise, und ich bin meinem damaligen türkischen Freund, Kulturhistoriker, sehr dankbar für seine ausführliche, private Reiseführung, und seine liebevolle Begleitung. Auch wenn wir touristische Sehenswürdigkeiten besucht haben, so doch zu ungewöhnlichen Zeiten und allein. Und damit hatte alles einen eigenen Zauber.

Von Alanya nach Istanbul

Unsere Reise führte uns von Alanya an der Küste entlang nach Side, Aspendos und Perge. Dann ging es ins Landesinnere nach Konya, Pamukkale. Quer durch das Land, durch viele Dörfer, Iznik am wunderschönen Iznik-See bis zu unserem Endziel Istanbul.

Ich erzähle hier von den größeren Orten. Es würde sonst zu umfangreich. Obwohl viele Schönheiten im touristisch unbekannten Landesinneren waren.

Ein Türke und eine Österreicherin

Ich fuhr mit dem Auto, weil mein Freund keinen Führerschein hatte. In den größeren Städten war es kein Problem, wenn mein Freund auf dem Beifahrersitz saß. Obwohl es auch hier so manches Mal unfreundliche Blicke gab. War ich allein unterwegs im Auto, wurde ich zum Großteil nicht beachtet. Anders war dies im Landesinneren – von überraschten und erstaunten Blicken bis zu erzürnten. Im Landesinneren, in den kleineren Dörfern, war es auch vielfach nicht möglich gemeinsam ein Zimmer zu nehmen, weil wir nicht verheiratet waren. Die schlimmste Situation war in einem kleinen Dorf an einem wilden Fluss, zu dem man nur über einem fast unbefahrbaren, mit Geröll übersäten Weg kam. Hier wurden wir, als wir nach einem Nachtquartier fragten, mit Steinen beworfen. Sie wollten uns sicher nicht treffen. Es wäre ihnen sonst gelungen. Aber vertreiben wollten sie uns.

Ich kann mir vorstellen, dass sich diese Situation in den letzten 20 Jahren verbessert hatte. Vielleicht nicht gerade in dem Dorf hinter den Bergen … Jedoch fürchte ich, dass es gerade jetzt wieder einen Rückschritt geben wird.

Alanya

Tagebucheintrag 5. Juni 1993: 6.00 morgens Anflug auf Antalya. Auf der einen Seite des Flugzeugs das Meer, die Küste und ein Vollmond, auf der anderen Seite über dem Taurusgebirge die aufgehende Sonne. Mit dem Auto auf dem Weg nach Alanya – Bananen, Orangen, Zitronen, Feigen – und die rot blühenden Oleanderbüsche am Straßenrand.

Alanya, eine der bezauberndsten Ortschaften der anatolischen Südküste mit kilometerlangen Stränden. Eine Stadt zum Ankommen, zum entspannten Flanieren durch die Gassen der Stadt oder auf den Burgberg. Und vor allem die Sonne und das tiefblaue Meer zu genießen am Kleopatra Strand. Das Bergmassiv im Norden Alanyas ist die Küsten-Gebirgskette des West-Taurusgebirges.

Wie alles im Orient, hat auch der Kleopatra Strand eine Geschichte: Antonius erhielt für seine Verdienste nach Cesars Tod das Gebiet Kilikien. In dieser Zeit machte Königin Kleopatra auf ihrer Mittelmeerrundfahrt die Bekanntschaft von Antonius. Sie verliebten sich und heirateten. Als Hochzeitsgeschenk bekam Kleopatra von Antonius Korakesion (Alanya).

Was für eine schöne Geschichte … Um der Sommerhitze auszuweichen, zieht die Stadtbevölkerung in die Sommerhäuser auf den Plateaus. 25 bis 60 km, und man ist in den kühlen Wäldern mit Wasserfällen und Picknickplätzen. In den Pergolas auf der Hochebene saßen wir so manchen Nachmittag, tranken Tee und schauten auf Alanya und das Meer.

Side, Aspendos und Perge

Ca. 75 km westlich von Antalya, auf einer kleinen Halbinsel, befindet sich Side. Side wurde bereits im VII. Jh. v. Chr. von den Griechen gegründet. Wir wohnten in einem kleinen Häuschen direkt am Meer, in dessen Garten die Überreste von antiken Säulen und Kapitellen, diese von Blumen und Oleanderbüschen überwuchert, lagen. Wir kamen uns vor wie in einem grandiosen Freilicht-Museum. Überreste der alten Stadtmauer, eine byzantinische Basilika, der Apollon-Tempel … Eine malerische Altstadt mit einem kleinen Fischerhafen und einem feinen Sandstrand … Ganz in der Nähe von Side, zwei beeindruckende – nein, überwältigende – Theater:

Aspendos: das besterhaltene und mit ziemlicher Sicherheit schönste unter den römischen Theatern der Türkei, mit einer überwältigenden Szenenwand.

Perge: erbaut im Jahre 100 n. Chr. mit einem Aufnahmevermögen von 12000 Zuschauern! Perge ist eine der wichtigsten Städte der Küste und auch vom religiösen Standpunkt aus berühmt. Der heilige Paulus hielt hier seine erste Rede. Historisch bedeutsam ist Perge, weil in Perge der Schriftsteller Apollonius geboren wurde.

Konya

Wer kennt sie nicht – die “Tanzenden Derwische“? Konya ist eines der häufigst besuchten Touristenziele der Türkei. Ein Ort, dessen Spirit leider durch die unzähligen Reisebusse und den Horden an Menschen verloren gegangen ist. Mit Beginn des VIII. Jh. wird Konya von Celaleddin Rumi – bekannt als Mevlana – zum Wohnsitz ausersehen. Dieser Dichter und Philosoph war der Gründer des mystisch-religiösen Ordens der “Tanzenden Derwische“. Wenn man jedoch das Kloster-Mausoleum Mevlanas, schon weitem erkennbar durch die mit grünen Fayencekacheln bedeckte, kegelförmige Kuppel, in einer stillen Stunde besucht, dann ist die Mystik dieses Ortes spürbar und Stille tritt ein.

Mein ganzes Leben liegt in diesen drei Worten:

„Ich war unreif,
entflammte –
und wurde zu Glut“
(Mevlana)

Von Konya nach Pamukkale

Als Pamukkale (Baumwollschloss) werden die weiß glitzernden Sinterterrassen bezeichnet. Die Terrassen sind das natürliche Werk von Jahrtausenden, in denen sich auf dem Plateau durch die kalkhaltigen Wasserläufe eine baumwollweiße Sinterschicht gebildet hat. Sogar die Grundmauern mancher antiker Bauten wurden so ca. 1 m tief vom Gestein begraben.

Aber nicht alles wurde begraben! Das Quellwasser füllt zuerst einen Quellenteich, und fließt dann weiter über die Terrassen. Dieser Quellenteich wurde von einem Hotel umbaut, und so kann man dort – sozusagen hautnah – zwischen zahlreichen antiken Säulentrommeln schwimmen. Ein Hauch Geschichte und ein unbeschreibliches Erlebnis. Ein verliebtes Paar, nachts schwimmend zwischen antiken Säulentrommeln, Vollmond über den schimmernden Terrassen …  Klingt sehr kitschig. Aber so war es.

Welch ein Schatz in der Erinnerkiste.

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https://monikakrampl.wordpress.com

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