HAKAN GÜRSES

Von zivilen Tugenden – II

Wien – Individuell oder strukturell? Zivilcourage oder kollektiver Widerstand?

Solche Gegenüberstellungen sind freilich problematisch, zumal sie künstliche Gegensätze konstruieren und alles Dazwischenliegende ausblenden. Außerdem sind beide Pole mit Problemen verbunden, insbesondere wenn vom Widerstand die Rede ist; denn in wohl keinem anderen Fall ist der Kontext so maßgeblich wie hier. Michel Foucaults Satz, wo es Macht gibt, gebe es auch Widerstand, betont diesen Umstand: Der Widerstand erlangt seine Bedeutung angesichts der Macht, der er sich entgegenstellt.

Die Überbetonung von Strukturen bringt zwei allzu bekannte Nachteile mit sich. Erstens beschwört sie einen versteckten Fatalismus herauf, der fast jede individuelle reformatorische Handlung als “systemimmanent“ ablehnt. Wenn eine Handlung nicht ausschließlich darauf ausgerichtet ist, das System vollständig zu verändern, könne sie nicht viel bewirken. Dies bedeutet auch ein Aufschieben der Bekämpfung von aktuellen “Systemfehlern“. Das Richtige könne nur entstehen, nachdem die Strukturen des Falschen zerstört worden sind.

Dieser Ansatz setzt – zweitens – eine systemische Priorität hinsichtlich der Ungerechtigkeiten. Vieles von dem, was wir als ungerecht wahrnehmen, sei demnach eher Effekt als Ursache. Die Suche nach der Ursache führt dazu, dass man eine “letzte Instanz“ postuliert, von der aus alles andere erklärbar sei. Neben diesem “Hauptwiderspruch“ verkümmert alles zum “Nebenwiderspruch“. Was in den 1970er Jahren in der bekannten Konfrontation zwischen feministischen und marxistisch-sozialistischen Forderungen gipfelte, ist heute im Diskurs des Antirassismus zu beobachten: Ein – vorwiegend minoritärer bzw. “schwarzer“ – Antirassismus wirft einer oft als “weiß“ bezeichneten Position vor, sie würde nur akute rassistische Handlungen und Politiken aufs Korn nehmen und den strukturellen Rassismus übersehen, diesen sogar verstärken. Solange der strukturelle Rassismus nicht zerschlagen worden sei, könne keine antirassistische Handlung Nachhaltiges bewirken.

Der andere Pol, der wiederum auf das tugendhafte Handeln des Individuums baut, ist mitnichten weniger problematisch. Man hört noch heute den Stehsatz, das Hitler-Regime hätte sich keine zwei Monate halten können, hätte es einige Tausend zivilcouragierter Menschen – wie etwa Oscar Schindler – gegeben. “Wer einen Menschen rettet, rettet die ganze Welt“: Dieses ursprünglich religiöse Diktum hat einen unschätzbaren moralischen und pädagogischen Wert. Nüchtern betrachtet kann es aber nicht als Grundpfeiler einer politischen Theorie des Widerstands fungieren. Moralische Aussagen dienen leider oft auch dazu, die strukturelle Gewalt, die Hilfe erforderlich macht, zu verschleiern – wie Brecht sagte.

Die aktuelle und jugendkulturell trendige Form des individuellen Widerstands wird jedoch weniger in Zivilcourage erblickt, sondern in den Tugenden der Verweigerung und der Empörung.

Der Lebensstil, der auf dem Verweigern des global-neoliberal-kapitalistisch erzwungenen Mainstream-Konsumstils beruht und diesem alternative (Konsum-)Handlungen entgegensetzt, wird in den post-industriellen Gesellschaften allmählich zur Normalität: Rad statt Auto, vegane Ernährung statt Essen von Tieren und deren Produkten, nachhaltig und fair produzierte und gehandelte Kleidung statt Dirty Fashion etc. Immer wenn unbelehrbare Politiker_innen, “Mächtige“ oder deren mediale Sprachrohre diesen guten Lebensstil durch ihre Warenproduktion, Geschäftspraktiken, Worte oder ihren eigenen unfairen Lebensstil negieren, ja bedrohen, werden sie zum Gegenstand und Adressat_innen der Empörung: Dem folgen Shitstorm, Demo mit großem fun-Anteil, Flashmob, Brandjacking und andere subversive Interventionen in den sozialen Medien usw. Empörung ist die direkt-aktionistische Schwester des langfristig angelegten Widerstands durch Verweigerung.

Empörung und Verweigerung mögen zwar nicht an der Struktur selbst, sondern eher an deren Effekten rühren. Sie führen jedoch den Gegensatz individuell/kollektiv nicht fort. Wiewohl Verweigerung im Individuellen als eigener Lebensstil praktiziert wird, ist sie ein Massenphänomen und ein wiederholbarer, inzwischen normierter Akt. Empörung findet ihrerseits vornehmlich in den vielzitierten “Echokammern“ statt und führt im Rahmen von synchronisierten Massenhandlungen mitunter mehr Individuen zusammen als eine alternative Partei oder Organisation. Damit bringen diese beiden Individualtugenden die klassische Gleichung von “Individuum versus Struktur = Zivilcourage versus Kollektivwiderstand“ durcheinander. Sie sind Individualhandlungen, die darum eben zwar nicht kollektiv, dafür aber synchron stattfinden.

Die Frage bleibt: Wo sollen wir denn heute stehen, wenn wir Widerstand leisten wollen?

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Dieser Artikel wurde zuerst in der Zeitschrift Die Stimme veröffentlicht.
www.hakanguerses.at

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