HAKAN GÜRSES

Von zivilen Tugenden

Der deutsche Journalist Claus Kleber hielt im Februar die Laudatio für seinen österreichischen Kollegen Armin Wolf, der im Dezember des Vorjahres zum “Journalist des Jahres 2018“ gekürt worden war. Kleber lobt an Wolfs journalistischen Qualitäten vor allem seine Haltung und beklagt zugleich, dass dieser Begriff der am schlimmsten missbrauchte der Branche sei:

“In Armin Wolfs berühmten Interviews wird gezeigt, dass Haltung nicht vom Himmel fällt. Sie braucht: Schlagfertigkeit, aufrechten Gang, Bürgerstolz vor Fürstenthronen und vor allen Dingen: Arbeit, Arbeit, Arbeit, penible Vorbereitung, die Schlagfertigkeit erst möglich macht.“[1]

Journalistin Anneliese Rohrer griff alsbald in einem Die Presse-Gastkommentar[2] das Thema auf und kritisierte zunächst die einseitige Akzeptanz von Haltung: sie bei eigenen Überzeugungen gutzuheißen, bei Andersdenkenden aber zu verdammen. Andererseits behauptete sie, Haltung könne man lernen, genau wie Zivilcourage. Dies müsse allerdings schon in der Kindheit beginnen; die Verantwortung liege also bei Eltern und Pädagog_innen.

Vor vielen Jahren saß ich mit einigen Expert_innen auf dem Podium, um über Zivilcourage zu diskutieren. Eine Kollegin umschrieb den Begriff mit einem aus ihrem Leben gegriffenen Beispiel: “Ich sah, dass ein Mann seinen Hund gequält hat. Ich hab‘ sofort die Polizei angerufen!“ Das war für sie Zivilcourage und im Publikum sah ich viel bestätigendes Kopfnicken.

Ob man Haltung und Zivilcourage lernen kann und was wir unter diesen Begriffen – sowie unter dem benachbarten Wort Widerstand – verstehen, beschäftigt mich seit jeher. Vor allem im historischen Vergleich. Wie sollen wir etwa das, was die Gruppe Weiße Rose mitten im Nazi-Regime unternommen hat, nennen? Wenn das Widerstand ist, kann dann eine Donnerstagsdemo mit Polizeibegleitung heute auch Widerstand heißen? Näher noch: Fallen die Taten der Weißen Rose und jene von Oscar Schindler – um ein weiteres bekanntes Beispiel anzuführen – unter dieselbe Kategorie? Was tat denn Ulrike Meinhof mit ihren Aktionen in der RAF und als was sahen die Mitglieder der NSU ihre eigenen Mordtaten an?

Um Missverständnissen vorzubeugen: Mir geht es weder um eine akademisch ultimative Definition noch um eine Provokation durch den Vergleich unvergleichbarer Handlungen und Einstellungen. Doch, wenn diese zivilen Tugenden – Haltung, Widerstand und Zivilcourage (gern genannt wird auch: die Kultur des Hinschauens) – solch zentrale “Werte“ sind, dass wir sie gar unseren Kindern beibringen sollen, so wäre es nicht ganz abwegig, sich über diese Worte ein paar Gedanken zu machen und sie nicht bei jeder Gelegenheit wie das Amen im Gebet aufzusagen.

Die meisten Autor_innen, die ich zu diesem Thema gelesen habe, teilen einen Befund: Zivilcourage (wohl auch “Haltung“) ist eine individuelle Tugend. Sie ist mit persönlichem Risiko verbunden und keine organisierte Form des Widerstands; es steht hinter ihr zumeist keine Ideologie, sie ist keine Handlung eines Kollektivs, sie kann auch nicht institutionalisiert werden. Zivilcourage wird oft auch als “demokratische Tugend der gegenseitigen Hilfe“ definiert. Da fallen mir die schönen Zeilen von Bertolt Brecht ein, aus seinem Badener Lehrstück vom Einverständnis:

“Solange Gewalt herrscht, kann Hilfe verweigert werden Wenn keine Gewalt mehr herrscht, ist keine Hilfe mehr nötig. Also sollt ihr nicht Hilfe verlangen, sondern die Gewalt abschaffen.
Hilfe und Gewalt geben ein Ganzes
Und das Ganze muss verändert werden.“

In diesem seltsamen Lehrstück voller Symbole meinte Brecht mit “Gewalt“ wohl etwas mehr als den bloßen physischen Akt. Er deutet eine Gesellschaftsordnung an, die Gewalt systematisch nach sich zieht, die Gewalt der Strukturen oder: strukturelle Gewalt. Eine solche Gegenüberstellung von individueller Handlung und den – auch diese Handlung bestimmenden – Strukturen ist ein altes Thema, im Bereich der Tugenden sogar ein sehr altes. Platon setzt hinsichtlich der Gerechtigkeit ein Individuum voraus, das mit den Gesetzen in Harmonie lebt und sich darum auch in einem harmonischen Seelenzustand befindet. Gerechtigkeit ist in diesem Sinne die areté (“Bestheit“, Tüchtigkeit, Tugend) der Seele. Die sophistischen Dialogpartner des Sokrates, seines Zeichens Lehrer von Platon, verwiesen hingegen ständig auf die Strukturen, die so beschaffen sein können, dass Gerechte als ungerecht angesehen und sogar hingerichtet werden könnten. Ist das schließlich nicht auch Sokrates selber passiert?

Nicht selten kommt es wiederum in der Gegenwart vor, dass Regierungen die Personen für ihr zivilcouragiertes Handeln mit Preis und Lob überhäufen, welche just gegen jene Miss-stände kämpfen, die dieselben Regierungen (manchmal auch durch ihr Nichtstun) selbst verursacht haben.

Struktur gegen Individuum. Ist Zivilcourage – oder Haltung – als eine individuelle Form des Widerstands ausreichend, um die Gesellschaft gerechter zu gestalten? Oder entpuppt sich Zivilcourage angesichts der strukturell verankerten Ungerechtigkeiten letztendlich als nützliche Idiotie? Für beide dieser widerstreitenden Meinungen gibt es genügend Vertreter_innen und Argumente. Was ist, ferner, mit (kollektivem) Widerstand?

Ich werde dieses Thema hier noch fortsetzen.

………………………………………….
[1]derstandard.at/2000098462174/Armin-Wolf-und-Haltung-ein-kurzer-Text-ueber-Freiheit [Stand: 10.3.2018].
[2] „Plötzlich wollen wieder alle ‚Haltung‘ zeigen, wär’s nur so!“, Die Presse, Samstag, 23.2.2019, S. 29.

(Dieser Artikel wurde zuerst in der Zeitschrift Die Stimme veröffentlicht.)

www.hakanguerses.at

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